Friesenrecht
Kapitel 6 – Von Mönchen und Falken
Abt Wynfried blickte gedankenverloren aus einem Loch, welches manche auch als Fenster bezeichnen mochten. Aber diese Bezeichnung verdiente das Loch dann doch wieder nicht. Karges Sonnenlicht erhellte die kleine Kammer mit Pritsche und Schreibtisch nur dürftig. Über der Tür hing ein einfaches weitesgehend schmuckloses Silberkreuz. Dieses Kreuz drohte nun herunterzufallen als die Tür plötzlich aufgerissen wurde und ein völlig aufgelöster Novize hereinpolterte. „Klopft man im Kloster Marienkamp neuerdings nicht mehr an, Bruder Witzelt?“, fragte Wynfried scharf und blickte auf die vielen Unterlagen auf seinem Schreibtisch, ohne sie zu lesen. Der Angesprochene blinzelte und hatte den Mund schon geöffnet, aber nun kam kein Ton mehr aus ihm heraus. „Und seit wann rennen Mönche durch diese altehrwürdigen Hallen wie aufgescheuchter Hühner? Was ist geschehen? Brennt Rom schon wieder?“ Bruder Witzelt, ein junger Novize der erst seit kurzem im Kloster war schüttelte stellvertretend für eine Erwiderung den Kopf. Witzelt war kein besonders guter Redner oder auch Diskutant wenn es um die Theologie ging, aber schon früh fiel er Wynfried durch seine Gesangsstimme auf. Dort blühte der Novize förmlich auf – nein, er explodierte geradezu! Nun aber stand er dort wie ein Häufchen Elend und wusste weder weshalb er gekommen war noch was er jetzt sagen sollte. Wynfried war dies schon öfter aufgefallen, dass Bruder Witzelt keine zwei Sachen im Kopf behalten konnte, sondern immer nur eine bestimmte Sache. Sobald ihn jemand mit etwas anderem verwirrte, verlor er die Orientierung und seine vorherige Bestimmung. Nicht selten machte er sich daher zum Gespött des ganzen Klosters. Viele hielten ihn auch für beschränkt und setzten ihn am liebsten in der Küche oder auf den Feldern ein. „Ist schon gut.“, seufzte Wynfried als er es bemerkte. Er erhob sich und legte die Hände auf die schmächtigen Schultern des Novizen der gar eine Tracht Prügel fürchtete. Doch Wynfried sah davon ab, denn Witzelt war nicht dafür bekannt aufbrausend oder sonderlich energisch zu sein – außer beim Singen wohlgemerkt. Daher musste es schon einen immens wichtigen Grund geben, warum der Novize in Wynfrieds Gemächer hereinplatzte und ohnehin sehr blass wirkte. „Zeigt mir, was passiert ist.“
Im Innenhof standen schon alle Mönche des Klosters versammelt und tuschelten aufgeregt mit- und untereinander. Als sie Wynfried sahen redeten alle gleichzeitig auf ihn ein, sodass er nichts mehr verstehen konnte. Witzelt zuckte schuldbewusst zusammmen, da es doch seine Aufgabe gewesen war dem Abt von der Situation in Kenntnis zu setzen. Davon gingen auch die anderen Mönche aus, sodass Bruder Wynfried absolut keine Ahnung hatte wovon hier alle redeten. Er musste schon laut werden, ehe man ihm bröckchenweise berichtete was denn überhaupt los war. Drei Männer waren vor dem Kloster erschienen und erzählten gar Abenteuerliches von dem alten Friesenkönige Radbod, welcher schreckliches Plane. Ein Krieg stehe vermutlich bevor, der Friesenkönig kehre zurück! Die Panik und die Aufgeregtheit hing über den Mönchen wie ein dicker Schleier und senkte ihre Gemüter und Häupter. „Nun mal ruhig Blut, verehrte Brüder. Lasst uns in der Kirche zusammentragen was vorgefallen ist. Und dort sollen die drei ihr Anliegen vorbringen vor allen Brüdern, aufdass wir gemeinsam erörtern ob sie Wahrheit sprechen oder ob wir hier einem schlechten Scherze aufersessen sind.“ Mit seiner kräftigen, klaren Stimme beruhigte er die Mönche etwas und sie machten sich auf den Weg zur Kirche. Der Abt seufzte innerlich und gab Bruder Witzelt einen Klaps auf den Hinterkopf, als dieser wie festgewachsen neben ihm stehen blieb :“Worauf wartet ihr, Bruder? Ab in die Kirche.“ Erst jetzt nickte Witzelt verlegen und meinte: „Verzeiht, ehrwürdiger Abt. Ich habe Mist gebaut.“ „Wir alle machen Fehler, Junge. Aber ihr könnt es wieder gutmachen indem ihr die drei Männer einlasst und sie herbeiholt.“ Witzelt nickte heftig und huschte eilig davon. „Die Jugend..“, seufzte Wynfried lächelnd, ehe er sich gedanklich dem Gesagten zuwandte. Seinerzeit hatte der heilige Liudger den Friesenkönig mitsamt seinem verbliebenen Gefolge auf der Insel Bant eingesperrt, aufdass sie nimmer von dort fliehen könnten. Sollte dieser Schutzzauber, der Liudger das Leben kostete, inzwischen verloschen sein? Oder hat Radbod selbst einen Weg gefunden sein Gefängnis zu verlassen? Zwar müsste Radbod inzwischen schon längst verstorben sein, aber es war kein Geheimnis, dass Bant ein verfluchter Ort war. Ein Ort an dem die heidnischen Götter sehr stark waren. Durch verderbte Zauberei hätte er sich bis heute halten können, ebenso seine Gefolgsleute.
Die Mönche lauschten den Ausführungen des Jungen und der zwei Männer ausführlich und stellten immer wieder Fragen um sowohl das Gesagte zu prüfen (es könnte ja immer noch ein schlechter Scherz sein) als auch um soviel wie möglich über Radbod zu erfahren. Es gab noch einige Zweifler, vermutlich wollten sie etwas so schreckliches gar nicht wahrhaben. Sie wollten vielmehr verdrängen, was es bedeuten würde, wenn Radbod tatsächlich zurückzukehren vermochte. Doch wie zum Beweiß hob der Mann namens Jens Janssen ein Herz empor, welches noch zu schlagen schien: „Dies ist das Herz dieses Mannes!“, verkündete er und verwies auf den gefesselten Mann mit den Narben neben sich,“In seiner Brust steckt eine sogenannte Seelenkrake! Wir bitten euch, die weisen Mönche von Marienkamp uns zu helfen, Friesland zu helfen!“ Ein Raunen ging durch die versammelten Mönche und einige bekreuzigten sich vorsorglich. Es dauerte nicht lange und Abt Wynfried faltete die Hände, und meinte schließlich: „Ich kann keine Lüge sehen, indem was uns hier vorgetragen wurde. Es betrübt mich und meine Brüder zutiefst, dass dies so geschehen ist und dass uns ein Krieg bevorsteht. Die schrecklichen Heidengötter strecken erneut ihre Krallen nach christlichem Boden aus und wollen Tod und Vernichtung säen und Gut und Leben ernten, wie überreife Früchte. Als Diener unseres Herrn werden wir den Menschen des Landes jedwede Hilfe zuteil kommen lassen zu derer wir fähig sind. Ich sage dies im Angedenken an den heiligen Bonifatius und Liudger, welche wir uns als Vorbilder nehmen sollten in diesem Kampfe. Möge der Herr mit uns sein.“ Das Wort des Abtes hatte Gewicht und nach und nach stimmten alle Mönche ihm zu. Keiner war begeistert, aber jeder war zumindest überzeugt davon, dass sie nicht alleine gegen solch Teufelswerk dastünden, sondern dass der Herr ihnen Rückenwind geben mochte.
„Könnt ihr die Seelenkrake denn entfernen?“, fragte Hinni den Abt nach der Versammlung und dieser kniff beim Anblick von Theo die Augen zusammen: „Ist das nicht der berüchtigte Treibholz-Theo?“ „Ihr müsst mich verwechseln.“, meinte Theo und versuchte süffisant zu grinsen, was ihm leidlich misslang. „Ja, ihr habt recht.“, gestand Hinni, dem unwohl dabei wäre einen Geistlichen zu belügen, „Aber wir müssen wissen ob es eine Chance auf Heilung gibt, denn ein sehr geschätzter Freund von uns ist sehr wahrscheinlich ebenfalls von einer solchen Kreatur befallen.“ „Ich verstehe.“, meinte Abt Wynfried. „Nun, am besten befragt ihr Bruder Salpeter, er kennt sich am besten mit heidnischer Hexerei aus. Natürlich nur um sie wirksam bekämpfen zu können, versteht sich.“ „Natürlich.“, grinste Jens unfreiwillig. Abt Wynfried trug (sehr untypisch für Mönche) einen langen, lockigen Bart und wirkte generell nicht so steif und abgehoben wie andere Mönche, die Jens kennengelernt hatte. Dennoch strahlte er eine gehörige Portion Autorität und auch Weißheit aus, sodass er sich nicht wunderte das er der Abt des Klosters geworden war. Überhaupt mussten Mönche in friesischen Landen darauf achten die Kontakte mit der gemeinen Bevölkerung zu hegen und zu pflegen. Dazu gehörte es auch mit den Einwohnern einen zu trinken und sich am Leben zu beteiligen. Natürlich mussten sie auch ihre Sprache sprechen, galt dies doch seit jeher als verbindenes Band zwischen eigentlich Fremden. Die Friesen waren nämlich noch nicht lange christlich und viele fürchten eine Lehnsherrschaft unter dem Banner der Kirche. Daher sind viele Friesen auch eher misstrauisch gegenüber der Kirche eingestellt. Solange sie jedoch nicht versuchte den Friesen Freiheiten zu nehmen, akzeptieren sie die „neue“ Religion erstaunlich gut. Noch beherrschten viele alte Riten und Kulte den Alltag der Friesen, aber langsam aber sich übernahmen sie vermehrt christliche Gebräuche und Sitten. Was nicht allzu schlecht war, denn immerhin konnte man so die Fehden und Streitereien der Bauern untereinander etwas dämpfen. Dies wiederum kam allen freien Friesen zugute. Besagter Bruder Salpeter saß in einer Kammer vollgestopft mit Regalen, Reagenzien, trocknenden Kräutern, Mörsern und Stöseln. Er war schon über fünfzig und graues Haar fiel ihm struppig vom Kopf herab. Außerdem schien eines seiner Augen erblindet zu sein. „Das war eine Möwe!“, erklärte er ohne das jemand gefragt hätte,“ Wir stritten uns um ein Büschel Queller, ich verlor bei dem folgenden Kampf ein Augenlicht, aber die Möwe ist verhungert, hehe!“, waren seine ersten, gekrächzten Worte und Hinni, Jens und auch Theo wussten nicht so recht was sie davon halten sollten. Es brauchte eine Weile bis sie ihm klar gemacht hatten was sie von ihm wollten (er hörte auch nicht mehr so gut und sprach deshalb übertrieben laut) aber als er es erstmal wusste, suchte er eifrig nach einem bestimmten Buch. Geduldig wareten die drei, als Bruder Salpeter schließlich einen staubigen Folianten auf den wurmstichigen Tisch plumpsen ließ.
Als sich die Staubwolken gelichtet hatten (und der Hustenanfall aller im Raum befindlichen Personen abebte) blätterte der alte Mönch im Buch herum und murmelte dabei stets unverständlich vor sich hin. „Ahhh!“, machte er schließlich und klatschte in die Hände, sodass nur noch mehr Staub herumwirbelte, „Da steht es ja geschrieben!“ „Was?“, fragte Hinni aufgeregt und mit tränenden Augen, „Was steht da geschrieben?“ „Das Rezept für den flotten Otto! Belebt Körper und Geist. Ich habe schon lange nach diesem Zeug gesucht. Das es hier drin stand – man lernt ja nie aus.“ Theo rollte mit den Augen: „Sehr gut, ein geistesschwacher Mönch mit Zahnfäule will mir die Krake aus der Brust entfernen. Wird ja iii-mmer besser hier.“ Hier horchte Salpeter merklich auf und fixierte Theo mit seinen Augen: „Krake? Brust? - Seelenkrake?“ „Wisst ihr etwas darüber?“, wollte nun Jens wissen. Salpeter nickte: „Ja, klar, natürlich. Lästige kleine Viecher. Durchgeknallte Heidenzauberer benutzen sie manchmal um sich eine Schar Untergebener zu halten. Warum habt ihr dass nicht gleich gesagt?“ „Haben wir doch!“, meinte Hinni etwas lauter. „Achso? Wolltet ihr nicht was gegen Blähungen haben?“ „Nein!“, riefen Theo, Hinni und Jens im Chor. „Brüllt einen alten Mann nicht so an, ich konnte ja nicht ahnen, dass ihr solcherart Probleme habt. Jesus!“ Nun humpelte Bruder Salpeter zu einem Regal (das freilich auch verstaubt war) und griff eine kleine Phiole heraus und reichte sie Theo unverblühmt. „Da nehmt schon!“, meinte Salpeter knapp. „Ich kann nichts nehmen, seniler alter Aalkopf! Ich bin gefesselt!“ Theo lief rot an. „Ich nehme es, habt dank, ehrwürdiger Bruder.“, meinte Jens stattdessen. „Können wir es ihm jetzt gleich verabreichen?“ Salpeter grinste und ließ dabei ein paar Zahnlücken sichtbar werden: „Besser nicht hier drinnen. Geht in den Hof, oder noch besser mitten in ein Feld hinein.“ „Wieso denn das?“, fragte Hinni aber Salpeter zuckte nur mit den Schultern: „Ihr werdet es ja sehen.“ „Aber überleben wird er die Prozeduer doch, oder nicht?“, fragte Hinni weiter und dachte die ganze Zeit daran, dass sie Abbo auch das grünliche Gebräu aus der Phiole verabreichen mussten. „Na, dann probieren wir es aus!“, meinte Jens und sie gingen in den Hof. Theo troff über vor Sarkasmus als er meinte: „Vielen Dank, dass ich euer Versuchskaninchen spielen darf.“ „Nun sei nicht so undankbar. Du willst dein altes Herz doch auch wiederhaben oder etwa nicht? Wir hätten dich auch schon längt töten können.“, meinte Hinni genervt. „Was auch immer, Junge.“, meinte Theo nur, der wohl gedanklich schon mit dem Leben abgeschlossen hatte. Sie stellten Theo mitten in den Hof des Klosters und einige Mönche beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung und mit einiger Neugier. „Mund auf.“, meinte Jens und sie gaben Theo davon zu trinken. Danach entfernten sich Hinni und Jens von Theo. Sekunden verstrichen quälend langsam. „Und? Wars dass schon?“, fragte Jens im Flüsterton. „Keine Ahnung.“, meinte Hinni und rief Theo zu: „Was ist jetzt? Spürst du schon etwas?“ Theo brüllte zurück: „Schmeckt scheisse, das Gebräu. Ich spüre garnich—„
Ein gleissender Blitz blendete alle Anwesenden und ein Bauer der gerade in Richtung des Klosters blickte musste ebenfalls seine Augen schützen. Etwas knallte so laut und heftig, dass es alle Umstehenden von den Füßen riss. Gleichzeitig schrie jemand, es war wohl Theo, sehr laut vor Schmerzen. Ein Windstoss ging von seiner Position aus und raubte den Mönchen, Hinni, Klütje und Jens den Atem. Der Wind zerrte an den Gewändern der Mönche und sie versteckten sich nach Möglichkeit hinter Säulen und Mauern, während sich Hinni und Jens am Boden festklammerten. Klütje wurde von Hinni festgehalten, da er wohl ansonsten weggeflogen wäre. Schließlich verebte der Wind, das Licht und nur Theo stand noch da, den Kopf in den Nacken gelegt. Er qualmte, als wäre er in Brand gesteckt worden und kippte nun nach hinten über. Er war bewusstlos als Hinni und Jens zu ihm eilten. Hinni legte seinen Kopf an seine Brust und hörte tatsächlich ein Herz schlagen. „Sein Herz ist wieder da.“, verkündete er. „Was war das denn?“, fragte Jens in die herbeieilende Menge der Mönche. Salpeter war auch dabei: „Man nennet es Purifikation. Es ist ein gesegnetes Gebräu, die Inkredenzien verschweige ich lieber. Aber es hilft den Körper von allem Schmutz zu reinigen. Auch die Gedanken werden gereinigt. Die Seelenkrake war auch ein Schmutzpartikel und der Körper hatte ihn abgestoßen und dafür das zurückgeholt was ursprünglich zu ihm gehört – sein Herz.“ „Soll das heißen, Theo ist nun sauber? Wie wenn er ein Bad nehmen würde?“, fragte Jens ungläubig. „Unsinn! Wir sind doch keine Bader hier. Nein, dummer Mann, er wurde von all seinen bösen und schlechten Gedanken befreit. An der heftigen Reaktion konnte man erkennen wie übel dieser Mann wohl wirklich gewesen sein muss. Jesus, dass jemand soviel Dreck mit sich herumtragen kann.“ Jens runzelte die Stirn: „Wie, ihr habt Tränke die einen Menschen von seinen bösen Gedanken befreien können? Woran erkennt der Trank überhaupt was ein böser Gedanke ist? Und ist Theo nun ein Heiliger oder was? Und warum gebt ihr dann nicht allen Menschen von diesem Gesöff, dann wäre die Welt doch ein besserer Ort für alle oder nicht?“ Bruder Salpeter nahm seinen Krückstock und hieb Jens auf den Kopf: „Einfältiger, dummer Mann! Ihr stellt zu viele Fragen. Ich sagte doch, das Gebräu ist gesegnet. So wie Weihwasser. Wollt ihr jetzt wirklich meine Künste als Tränkebrauer in Frage stelln oder euch über das Geschehene freuen und dem Herrn danken?“ „Es waren berechtigte Fragen.“, meinte Jens und rieb sich den Kopf. Salpeter seufzte: „Dieser Mann hier wird sicher kein Heiliger werden. Die Wirkung des Trankes ist nur vorrübergehend, sozusagen für den Moment. Es reinigt einen kurzfristig, danach kann sich der Dreck in Körper und Geist wieder ansammeln. Stellt es euch vielmehr wie einen Neuanfang vor, eine Geburt, einen frischen Start. Ob ihr ihn nutzt, bleibt euch überlassen. Viele Menschen fallen danach in ihren alten Trott zurück. Manchmal haben sie ja auch keine andere Wahl. Abgesehen davon ist dieser Trank nur sehr schwer herzustellen und selbst kleine Mengen müssen über Monate hinweg gesegnet werden.“ „Dann ist es sicher sehr teuer?“, fragte Hinni. Salpeter nickte: „Worauf du einen lassen kannst, Junge. Aber für Situationen wie diese scheint es mir angebracht zu sein. Ich wusste nur nicht ob die Segnung in der Phiole noch stark genug war. Über die Jahre hat niemand mehr das Zeug gesegnet. Aber es klappt wohl immer noch. Soweit ich weiss soll sogar der alte Liudger diese Phiole gesegnet haben, so alt ist das Zeug schon. Ansonsten kaufen es nur die Reichen Adeligen um sich von ihrem meist sehr sündenbeladenen Leben zu befreien. Was aber nur kurz anhält, glaubt mir. Ich berechne euch nichts dafür, ihr könnt den Rest behalten.“ „Habt dank, Bruder.“, meinte Hinni froh. „Was machen wir jetzt mit Theo?“ ,fragte Jens. „Ich denke er sollte hier im Kloster bleiben. Wer weiß, vielleicht will Theo ja sogar hier eintreten?“, scherzte Hinni. „Jedenfalls will ich ihn nicht mit uns schleppen. Andernfalls ersticht er uns noch bei der erstbesten Gelegenheit.“ Bruder Wynfried trat hinzu: „Macht euch keine Sorgen um euren Freund hier. Wir werden ihn schon zu besänftigen wissen. Was nun euer Problem betrifft, so werden wir euch helfen. Die Mönche von Marienkamp stehen euch im Kampf gegen Radbod zur Seite. Wer sonst sollte uns vor der Zauberei bewahren, wenn nicht der Herr und wir, seine eifrigsten Diener?“ „Klingt doch nicht schlecht.“, meinte Jens und Hinni stimmte ihm zu. „Jetzt sollten wir zurück nach Esens gehen. Vielleicht ist Stupsnös schon zurückgekehrt.“ Abt Wynfried blinzelte und zupfte nachdenklich an seinem Bart: „Stupsnös?“ Hinni nickte: „Ja, ein Fischer aus Esens. Wir haben ihn gebeten alle Friesen und vor allem die Deichwacht von Radbods Plänen zu berichten. Nichts für ungut, aber ich glaube wir werden auch so manchen starken Schwertarm brauchen um Radbod zurückzutreiben.“ Wynfried nickte anerkennend: „Weise Entscheidung. Aber es gibt noch jemanden den wir um Hilfe bitten könnten. Jemanden, der nicht sehr weit entfernt von hier lebt.“ „Hö? Meint ihr etwa die Goblins?“, fragte Jens leicht verwirrt. Wynfried verzog das Gesicht: „Sicher nicht. Nein, ich meine die Arianer. Die Überbleibsel des einst stolzen und mächtigen Volkes, welches hier schon mit den Friesen zusammen siedelte, bevor die Römer kamen. Sie nennen sich selbst Chauken. Die Falkenstreiter.“ Hinni kannte sie nur aus Erzählungen. Sie waren Arianer, und glaubten ebenfalls an Gott, jedoch nicht an die Dreifaltigkeit aus Heiligem Geist, Gott und Jesus. Ursprünglich wollte die katholische Kirche unter dem Papst sie komplett verbieten und ihre Anhänger verfolgen, aber die Folge waren Religionsstreitigkeiten und auch Kriege. Um den Frieden im Reich zu wahren, erließ der Kaiser seinerzeit ein Edikt, nachdem den Arianern ihr Glaube beibelassen wurde, solange sie nur den Kaiser als ihren obersten Herrn akzeptieren. Imgrunde waren sie somit nur dem Kaiser verpflichtet, ebenso wie die Friesen auch. Das hatte durchaus machtpolitische Hintergründe, denn die Arianer folgten zwar dem Kaiser, aber nicht dem Papst. Somit hatte der Kaiser die Arianer stehts auf seiner Seite, sollte es erneut zum Streit zwischen ihm und der Kirche kommen. Etwas, was leider Gottes sehr oft passierte. Die Arianer setzten sich zusammen aus den verbliebenen Stämmen, die sich zum Reich bekannten und mit ihm verbündet waren. Diese alten Stämme waren unter anderem die Chauken, die Langobarden, die Franken oder auch die Sachsen. Sie lebten noch wie ihre Vorfahren in Dörfern und Gemeinden abseits der Straßen und Wege. Sie als Verbündete zu gewinnen war nicht so leicht, denn sie hatten eine (mitunter berechtigte) Abneigung gegen die Kirche, da diese immer wieder versuchte Gründe zu finden die Arianer zu vertreiben und auch zu vernichten. Dies wusste wohl auch Abt Wynfried nur zu gut als er schließlich sagte: „Ihr solltet zu ihnen gehen.“
Als sie das Kloster verlassen hatten, eilte ihnen ein sichtlich erschöpfter Okko entgegen. „Wir haben es von Stupsnös erfahren und ich bin sofort hierher geeilt. Ist alles in Ordnung mit dir, Hinnerk?“ „Ja, mir geht es gut. Aber wir müssen nun zu den Chauken gehen, wir müssen sie als Verbündete gewinnen.“ „Deine Mutter ist vor Sorge fast krank geworden.“, meinte Okko stattdessen, „Du kommst jetzt sofort nach hause. Es hat Abbo schon erwischt, und ich werde nicht zulassen, dass mein Ältester sich von einem Wahnsinnsakt in den nächsten stürzt bis er auch daniederliegt.“ Okko packte den Jungen harsch am Arm und wollte ihn wegziehen. Aber Hinni rührte sich nicht. Er stemmte sich ihm entgegen. „Was soll das denn werden?“ ,brauste Okko auf. Mit Tränen in den Augen schrie Hinni nun: „Abbo ist nicht tot! Er lebt! Und Leevke ebenso! Wir müssen das hier tun, nicht nur um ihretwillen! Alles ist in Gefahr, sogar unser Hof, wennnicht ganz Friesland!“ Okko schwieg ob dieses Ausbruches und blinzelte verwirrt. Eine betretene Stille trat ein, die schließlich von Jens durchbrochen wurde: „Verzeiht mir, Herr. Mein Name ist Jens Janssen. Ich komme aus Eilsum. Dieser junge Mann hier und der Herr Abbo haben mir geholfen mein Schiff wiederzubekommen, welches nun im Esener Hafen liegt. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Ich habe aber auch die Gefahr gesehen, die sich dort befindet. Ich verstehe eure Sorge um euren Sohn, aber auch ich fühle mich verpflichtet alles in meiner Macht stehende zu tun um das drohende Unheil abzuwenden. Wenn ihr es verlangt, werde ich mit meinem Leben die Sicherheit von Hinni garantieren.“ Jens nickte langsam – eine Geste zwischen Nicken und Verbeugung. Okko ließ schließlich von Hinni ab. „Wir haben die umliegenden Dörfer und die Deichwacht informiert. Wenn ihr tatsächlich zu den Chauken geht, so tut nichts Unüberlegtes. Diese Kerle verstehen recht wenig Spaß, auch wenn sie nicht unsere Feinde sind.“ „Danke, Papa.“, meinte Hinni und wischte sich die Tränen aus den Augen. Okko trat heran und nam ihn in die Arme: „Passt auf euch auf. Macht keinen Unsinn, der euch das Leben kosten könnte. Denn nichts wäre dies wert.“ „Gut.“, meinte Hinni und Okko fuhr ihm noch einmal durch das Haar. Danach machten sich Jens und Hinnerk auf den Weg in den Westen, während Okko sich Richtung Esens wandte. Sie winkten einander noch nach, ehe Jens Hinni auf die Schulter klopfte und ein Grinsen zustande brachte: „Na dann auf in den nächsten Schlamassel.“
Die Wanderung führte sie zunächst durch ein zunehmend bewaldetes Gebiet und Jens war sichtlich unwohl dabei. „Wälder haben etwas unheimliches, findest du nicht auch?“, fragte er aber wohl eher um seiner Angst Gehör zu verschaffen als ein Gespräch anzufangen. „Ja.“, meinte Hinni ehrlich, „Hier kann sich alles Mögliche gut verstecken: Goblins, Oger, Lindwürmer….“ „Lindwürmer??“, quiekte Jens in aufkeimender Panik. Eine Schweißperle lief ihm über das Gesicht. „Diese giftigen, riesigen, krallenbewehrten Viecher mit Schuppenhaut so stark wie Kettenhemde?“ Hinni fuhr fort: „Erst vor einigen Wochen soll hier eine Gruppe Abenteurer durchgekommen sein. Sie gingen in den Wald hinein – aber keiner kam heraus.“ Jens schluckte. „Wobei – das stimmt so nicht ganz. Denn einer schaffte es noch in ein nahegelenes Dorf, blutüberströmt und mit leichemblassen Gesicht. Er schleppte sich an die Theke und stöhnte nur noch: „Wir hatten keine Chance. Ein Wurm – ein elender Lindwurm…“. Mit diesen Worten verstarb er noch an Ort und Stelle. Jens – du siehst auch schon recht blass aus.“ „Kein Wunder bei den Horrorgeschichten die du hier verzapfst.“ „Ach du Scheisse, was ist das denn!!“, rief Hinni aus und verwies auf etwas hinter Jens. Dieser schrie, hüpfte auf wie ein Frosch und landete rücklings auf dem Boden. „Friss mich nicht! Ich habe Bohnen gegessen! Das wird dir nicht bekommen, du hast tagelang Blähungen und kannst dich nicht mehr verstecken! Nicht fressen!“, rief Jens und fuchtelte abwehrend mit den Armen wie ein Marienkäfer der auf dem Rücken gelandet war und nun versuchte wieder hochzukommen. Hinnis Gesicht tauchte schließlich über ihm auf. Er grinste über beide Ohren. Jens blinzelte mehrmals ehe er erkannte, dass Hinni ihn königlich verarscht hatte. „Du elender!“, begann er, „Bei so was macht man keine Scherze! Mein Herz hätte mir stehen bleiben können! Du und deine Lindwurmgeschichten. Ich wette das hast du dir gerade aus den Fingern gesogen, habe ich recht?“ Hinni verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lachte:“Du lässt dich aber leicht ängstigen, mein lieber Herr Janssen.“ „Genau! Ich bin hier der Herr, und ich soll auf dich aufpassen. Immerhin bin ich der ältere von uns beiden Hübschen und wenn du auf meine Hilfe nicht verzichten willst, dann sei in Zukunft etwas vorsichtiger mit deinen obskuren Phantastereien. Meine Güte, ich glaub ich fall gleich um. Mir ist schon ganz schwindelig…“ „Jaja, ist ja schon gut. Jassesney, da macht man einmal ein Späßchen um die trübe Stimmung aufzulockern und dann so ein Gezeter deswegen.“ „Och! Gezeter nennt er das!“ „Du bist wie ein altes Waschweib, dass nicht aufhöhren kann zu palavern bis die Sonne explodiert.“ „Ich und ein Waschweib? Wer verzählt den hier alte Gruselgeschichten, hm?“ Die beiden stritten sich auf ihrem Weg immer noch und merkten so nicht, wie sie schon seit geraumer Zeit unter Beobachtung standen. Aufmerksame Augenpaare hatten sie erspäht und durch ihre lautstarke Diskussion waren sie selbst für einen Halbtauben noch weithin zu vernehmen. So war es kein Wunder als plötzlich ein Vogelmann den Weg versperrte. „AchdumeineGüte!“, brachte Jens noch hervor und er und Hinni hielten an. Hinni wollte seinen Friesendolch zücken, doch Jens hielt seine Hand darauf: „Nicht! Wir müssen sie nicht unnötig provozieren!“, woraufhin Hinni es bleiben ließ. Jens erschrak als er sich umdrehte und einen weiteren Vogelmann hinter sich erblickte. Wobei, richtige Vogelmenschen waren sie nicht, sie trugen nur Masken die wie Vögel aussahen. Sie trugen überdies einen Flügelspeer mit dem sie den Weg verperrten. „Sprecht!“, kam die gedämpfte Stimme vom vorderen Vogelmann, „Was wollt ihr im Land der Chauken?“ Hinni schluckte und setzte zur Antwort an, aber Jens übernahm die Initiative. Er spürte wohl, das man hier mit ein wenig Händlercharme und gepflegtem Verhalten viel Gewinnen konnte: „Wir entbieten den tapferen Chauken unsere Grüße und kommen in friedlicher Absicht. Wir kommen als Vertreter aller Friesen – zumindestens aber von Esens – um euren Häuptling um eine Audienz zu ersuchen. Es ist ein Anliegen von größter Wichtigkeit und betrifft auch die Chauken – imgrunde alle Menschen dieser Lande.“ „Was für ein Anliegen?“, fragte der Vogelmann weiter. Jens seufzte: „Radbod. Der alte Friesenkönig Radbod will zurückkehren. Und er wird auch vor den Chauken nicht Halt machen. Um diese gemeinsame Gefahr abzuwenden, müssen die Friesen und Chauken zusammenhalten.“ Die beiden Vogelmänner zogen sich zur Beratung zurück und tuschelten miteinander. „Gute Arbeit.“, meinte Hinni anerkennend, „Ich hätte mich nicht so gewählt ausdrücken können.“ Jens grinste daraufhin stolz. „In Ordnung.“, hieß es dann von den Chaukenkriegern. „Folgt uns.“
Leevke eine Seelenkrake einzupflanzen war nicht sinnvoll. Sie könnte dann zwar beherrscht werden, aber sie selbst hatte nur minimale Befähigung die ihr innewohnenden Kräfte auch angemessen zu kontrollieren. Sie stand ja noch am Anfang ihrer Ausbildung. Dies wusste Ursula nur zu gut – nein, sie spürte es vielmehr. Sie konnte die Kraft spüren die in dem jungen Mädchen pochte und schlummerte. Selbst Ursula, die ja schon einiges an urgewaltigem Gesehen hatte, musste ob der Möglichkeiten und puren Gewalt dieser Kraft erschaudern. Stattdessen musste sie selbst an Leevkes Kräfte herankommen, sich an ihnen bedienen wie an einem Becken voller Wasser. Zu diesme Zweck führte Ursula ein Ritual durch, bei welchem Leevke in eine Art Glocke gehüllt wurde. Leevke selbst bekam von all dem nichts mit, denn die Glocke selbst sorgte dafür, dass sie ohnmächtig blieb. Sie träumte bestenfalls. Diese magische Glocke konnte auch nur durch Ursula oder gleichstarke Magie aufgehoben werden. Gleichzeitig etablierte sie eine Verbindung mit Ursula, sodass die Krakenhexe sich der Kräfte innnerhalb der Glocke, also Leevkes Kräften, bedienen konnte. Danach ließ sie die „Glockenleevke“ von einigen Skeletten nach unten transportieren und ging währenddessen auf die Plattform wo Radbod von seinen gepanzerten Skeletten umringt stand und nach Süden starrte, Richtung Festland. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und flüsterte: „Es wird klappen, mein König. Wir werden endlich zurückkehren. Nach solanger Zeit. Ich werde ja beinahe nostalgisch.“, und kicherte. „Wenn wir erst die Kirche vertrieben und ihre Anhänger erschlagen haben, werden unsere Friesen zum alten Glauben zurückkehren und endlich wieder stolz und tapfer ihre Lande für sich beanspruchen. Von dort aus wird ein Feuer entbrennen, und überall werden die Menschen ihre Fesseln abwerfen, die ihnen Kirche und Könige aufgezwungen haben. Alle werden sie nach alter Ordnung wieder zusammenleben und die alten Gesetze befolgen. Und von Friesland selbst wird dieses Leuchtfeuer ausgehen, von uns, meine kleine Hexe.“ Er küsste ihre Hand. „Die Götter sind mit uns.“, meinte Ursula verträumt. Sie konnten das Festland nicht sehen, denn die Nebelbank verhüllte die Sicht, wie immer. Ein Skelett trat an Radbod heran. Es sprach nur sehr abgehackt und seine Stimme hatte einen hohlen, geisterhaften Hall: „Schiffe vor Bant. Wollen sprechen.“, meinte es. „Ich kümmere mich darum.“, meinte Radbod und begab sich nach unten. „Was hast du eigentlich mit dem aufmüpfigen Friesen vor?“, fragte Ursula noch. „Er wird an unserer Seite kämpfen oder sterben. Oder beides.“ „Und was ist mit Theo?“ Radbod kniff die Augen zusammen und horchte in sich hinein. Schließlich antwortete er: „Ich habe den Kontakt zu ihm verloren. Er ist wohl tot.“ Ursula nickte. Sie spürte eine längst vergessene Vorfreude in sich aufsteigen. Sie würden die Küsten besetzen, endlich wieder frei sein und endlich wieder herrschen! Sie hatte nie bereut sich Radbod anvertraut zu haben. Sie war damals als Hexe verteufelt worden und wurde beinahe von einem durchgeknallten Wanderprediger nebst seinem Gefolge zutode geprügelt, wenn nicht Radbod gekommen und sie gerettet hätte. Nie hatte sie ihm dies vergessen und sie liebte ihn immer noch. Selbst die Untoten um sie herum, der Hauptmann im untersten Gewölbe und die Zeichen der Zeit konnten dies nicht ändern. Nicht einmal die Gischt oder die Flut vermochten etwas daran zu ändern, dass sie unabänderlich zu Radbod stand. Jenem Mann, der sie vor dem Todschlag bewahrte, jener Mann der sich stets um seine Leute sorgte, selbst wenn diese ihn schon längst vergessen haben sollten. In vielerei Hinsicht glich Radbod gar einem der feudalen Herren mit ihren Tugenden und Ehrenkodex. Es war viel ruhmreiches und helfenhaftes in Radbod. Und die Friesen hatten ihn nie vergessen. Er war ihr Nationalheld, war ihr Symbol für Widerstand gegen Unterdrückung und Sklaverei. Radbod hatte nach wie vor Sympathisanten unter den Friesen, worallem im einfachen Volke, wo sich die alten Riten und Gefplogenheiten noch am längsten gehalten hatten. Immerhin hatten die Friesen sich noch nicht von den feudalen Herschern einnehmen lassen und bewahrten ihre Freiheit nach wie vor. Doch das sie der Kirche nachgegeben hatten, war wohl der anfang vom Ende. Zwar hatte die Kirche und ihre Klöster kaum Einfluß auf die Politik in den friesischen Seelanden, aber sie infizierten die Menschen mit ihren Ideen und vergifteten ihren Freiheitswunsch durch Untergebenheit an Gott und Jesus. Dies war ein Wegbereiter, damit eines Tages auch Fürsten in Friesland herrschen würden. Erst in Gedanken, aber so würde der Widerstand dagegen stetig schrumpfen, da es ja „normal“ erschien einen Gebieter und Herrn zu haben. Man würde vergessen was es bedeutete als freier Mann zu leben und zu atmen. Seine Stimme mit anderen im Chor zu erheben und gemeinsam sein Land zu verteidigen, wenn es bedroht wäre. Dies bekämpften Radbod, Ursula und der Hauptmann. Niemanden schmerzte es dabei so sehr gegen die eigenen Landleute kämpfen zu müssen wie Radbod selbst. Aber es musste getan werden, wenn man die Friesen und auch die Chauken befreien wollte. Diese waren Arianer und unterstanden keinem Papst. Sie waren freiwillig zum arianischen Glauben bekehrt worden und verteidigten ihn selbst gegen andere Christen. Sie zu überzeugen würde am härtesten werden. Zwar waren die Chauken von allen Völkern noch am ehesten der alten Kultur verhaftet, aber ihren Glauben würden sie wohl nimmer ablegen, denn dafür waren sie – wie alle Völker an den Küsten – zu dickköpfig und stur. Ursula begab sich nun nach unten. Sie musste noch einige Vorbereitungen treffen, wenn die Invasion endlich began.
Radbod ging an den Stand. Dort stand ihm ein Mann gegenüber der nach Kleidung und Auftreten ein Eschenmann – oder auch Nordmann – sein musste. Er hatte seinen Kopf kahlgeschoren und nur am vorderen Schädel hatte er noch Haare. Links und rechts hingen ihm sogar je zwei Zöpfe unterschiedlicher Länge am Kopf. Auch trug er einen Schnurrbart, der Rest seines Gesichtes war rasiert. Er war anscheinend mit einem kleinen Ruderboot an Land gekommen, ganz allein. Zwei Skelette mit Speeren begleiteten Radbod. Der Nordmann kniete nieder: „Heil dem friesischen König von Bant! Mein Name ist Rörik – Sohn des Klak. Ich bin der Anführer dieser Flotte die ihr hinter mit seht. Wie ich erfahren habe, plant ihr die Invasion von Friesland?“ „Woher habt ihr diese Information?“, fragte Radbod ruhig. Rörik erhob sich und warf seinen Umhang nach hinten: „Eure Zauberin ist mir im Traum erschienen und erzählte mir alles.“ „Soso. Und nun?“, fragte Radbod. „Wir bieten euch unsere Unterstützung an. Wie doch von euch gewünscht, oder nicht?“ Radbod nickte und war Ursula dankbar für diese kleine Überraschung. Auch wenn er fand, dass sie ihm ruhig etwas davon hätte sagen können. Er beschloss ihr Überraschungsgeschenk nicht abzuschlagen und fragte Rörik:„Und was verlangt ihr dafür?“ „Nun einerseits wäre es uns eine Freude im Kampf zu sterben, aufdass wir von den Walküren nach Walhalla gebracht werden mögen, aber andererseits haben wir auch noch irdischen Ruhm zu erlangen, der ein wenig fortdauert.“ „Ihr wollt Ländereien.“, stellte Radbod trocken fest. Rörik nickte anerkennend: „So ist es. Noch bevor ihr selbst regiert habt, gehörten Teile dieses Landes uns Nordmännern. Diese fordern wir nun ein. In Dänemark hatten ich und meine Männer einige – Probleme und wir sahen uns gezwungen fortan auf unseren Boten zu hausen. Nun kommen wir um das einzufordern, was uns rechtmäßig zusteht.“ „Rechtmäßig zusteht? Die Friesen haben euresgleichen seinerzeit rechtmäßig den Arsch versohlt und aus dem Lande gejagt! Wenn ihr Ländereien erhalten solltet, dann nur, weil ich es so befehle!“ Rörik biss die Zähne aufeinander: „Also wollt ihr unsere Hilfe nicht?“ Radbod lächelte: „so wie ich es sehe, benötigt ihr meine Hilfe eher als ich die eure. Aber da ihr Nordmänner noch dem alten Glauben angehört, wäre es töricht von mir diese Unterstützung ohne weiteres abzuschlagen. Ihr werdet belohnt werden und ihr sollt für euch und eure Männer das Benötigte erhalten.“ „Dann stimmt ihr dem Vorschlag also zu?“ „So sei es.“ Die beiden Männer gaben sich die Hände. „Gebt uns das Zeichen und wir werden mit euch angreifen. Meine Flotte steht euch zur Verfügung.“ „Ich werde euch über die genauen Pläne noch mittels Ursula, meiner Zauberin, in Kenntnis setzen.“, meinte Radbod bestimmt und verlieh seinem Händedruck etwas Nachdruck. „Wie ihr meint, König Radbod.“, meinte Rörik und ruderte danach wieder durch den Nebel zu seinen Schiffen zurück. Es waren wohl sechs Langboote, alle mit den berühmten Schlangenköpfen verziert und angefüllt mit einem verwegenen Haufen wilder Krieger.
Das Dorf der Chauken lag auf einer Wurft und war von einem dünn bestandenen Wald umgeben. Hinni und Jens wurden bis auf den Marktplatz eskortiert, und einer der Chaukenkrieger ging in ein großes Gulfhaus, welches wohl die Behausung des hiesigen Häuptlinges darstellte. Als er herauskam bat er die beiden einzutreten. Im inneren des Hauses befand sich eine Art Saal und an dessen Ende saß der Häuptling der Chauken auf einem hohen Stuhl mit Armlehnen. Ein junger Mann, in etwa Hinnis Alter redete gerade auf den Häuptling ein, als dieser ihm das Wort mit einer Handbewegung abschnitt. „Tretet vor.“, meinte der Häuptling und Jens und Hinni taten wie ihnen geheißen. „Wollt ihr euch nicht verbeugen?“, fuhr sie der junge Chauke an, woraufhin Jens sofort auf die Knie sank: „Ja, natürlich eure Hoheit, wie dumm von uns – öh – Hinni??“ Hinni blieb einfach stehen: „Wer verlangt ich soll mich verbeugen?“ „Unverschämtheit! Wer glaubt irh das ihr seit? Ihr kommt ins unser Dorf, in unsere große Halle, und wagt es noch uns nicht den nötigen Respekt zu zollen sondern uns sogar zu verhöhnen? Vater!“, er wandte sich an den Häuptling, „Wir können solchen Gestalten keine Anhörung schenken! Wir sollten sie auf der Stelle hinauswerfen und-„ „Ruhe!“, brüllte der Häuptling und der junge Chauke verstummte sofort. „Ich denke wir sollten einander zunächst vorstellen, bevor wir einander an die Gurgel springen wie ein Paar Lindwürmer bei der Paarung! Immer diese Wildheit…“ Der Häuptling erhob sich und kam stellte sich vor Hinni und Jens auf. „Runter mit dir!“, zischte Jens und zitterte am ganzen Leib. Hinni hingegen blieb trotzig stehen. Der Häuptling war ein sehr groß gewachsener Mann mit dicker Knollennase und einem kurzen Bart. Auf seinem Kopf trug er einen besonders geschmückten Helm der einen Adlerkopf darstellen sollte. Er beäugte Hinni eindringlich, und dieser konnte nicht anders als sich zumindest mulmig zu fühlen. War er mit seinem Trotz doch zu weit gegangen? „Mein Name ist Tjarko, Häuptling dieses Dorfes und aller Chauken in der Umgebung. Und wer seid ihr?“ „Ich bin Hinnerk Wiards, Herr Häuptling.“, meinte Hinni, „Und dies ist mein Reisegefährte Jens Janssen aus Pilsum. Wir kommen zu euch in einer wichtigen Angelegenheit, die nicht nur die Friesen sondern auch die Chauken betreffen. Radbod plant einen Angriff und wir brauchen jede Hilfe um diese Bedrohung abzuwenden.“ Tjarko beäugte ihn scharf. Der junge Chauke meinte: „So ein Unsinn. Radbod ist seinerzeit nach Bant verbannt worden, er kann nicht zurückkehren.“ „Aber er hat nun die Möglichkeit dazu!“, meinte Hinni trotzig, „Wir kommen vom Kloster Marienkampf, wo uns Abt Wynfried gebeten hat euch um eure Unterstützung zu bitten.“ „Vater, ich bitte dich. Die beiden sind offensichtlich nicht ganz dicht in der Birne!“ „Hauke!“, rief Tjarko und Hinni fühlte sich an seinen eigenen Vater erinnert wenn dieser besonders schlecht gelaunt war, „Ich weiß schon was ich tue, und du hütest besser dein vorlautes Mundwerk.“ „Ja, Vater.“, meinte Hauke und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Und ihr, Herr Janssen aus Pilsum?“ „Ja, Herr?“ „Nehmt endlich das Gesicht aus dem Modder und steht aufrecht.“ „Ja, Herr.“ Jens erhob sich klopfte sich den Staub von seinen edlen Kleidungsstücken. „Vielen Dank, Herr Tjarko. Die Luft da unten wurde langsam knapp.“ „Um ein Haar hätte ich euch für Vagabunden gehalten, wie mein übereifriger Sohn schon sagte, aber da der junge Hinnerk hier stur stehengeblieben ist, wusste ich, dass ich mindestens einen Friesen vor mir haben muss. Ich kenne kein anderes Völkchen welches so dickköpfig ist, wenn es darum geht sich zu verbeugen. Außer uns selbst. Haha!“, lachte der Häuptling und die angespannte Stimmung war wie verflogen. Einzig Hauke war noch eingeschnappt und beäugte Jens und Hinni mit Argusaugen. „Also wir haben kein Problem mit den Friesen, wir handeln viel miteinander und es gibt auch Familienbande zwischen uns und ihnen. Und solltet ihr die Wahrheit sprechen, und davon gehe ich inzwischen aus, so würden wir uns schämen müssen nicht unseren Teil dazu beigetragen zu haben dies unser Land zu verteidigen. Einzig und allein die Brüder von Marienkamp sind nicht gut auf uns zu sprechen. Wir sind Arianer, wie ihr sicher wisst.“ „Dies sagten uns Abt Wynfried ebenfalls, aber er bittet die Chauken in diesem Falle die alten Streitigkeiten beiseite zu legen um gegen eine größere Bedrohung gemeinsam vorgehen zu können.“ Tjarko kratzte sich nachdenklich am Bart: „Natürlich könnte die katholische Welt auch versuchen uns anzugreifen, während wir gegen Radbod ziehen. Es wäre eine passende Gelegenheit.“ Hinni und Jens waren perplex. Sie selbst hatten nie an eine solch hinterlistige Variante gedacht. Die Bedrohung ausnutzen um selbst einen Vorteil darauf zu ziehen. „Ich bin zwar kein Mönch, aber die Brüder von Marienkamp selbst werden in den Kampf ziehen, da es gegen heidnische Zauberei geht. Außerdem stehen doch die Arianer und somit auch die Chauken unter dem Schutz des Kaisers? Die Kirche wäre schon recht dämmlich wenn sie ihn in seinem eigenen Herrschaftsgebiet herausfordert.“ „Hmmm.“, machte Tjarko. „Und wie ihr schon sagtet, Tjarko: Die Friesen sind eure Verbündeten und auch sie würden es nicht zulassen, dass kirchliche Mächte in Friesland tun und lassen können was sie wollen.“, fügte Hinni hinzu. Er wunderte sich über sich selbst, dass er hier diplomatisch aktiv wurde. Wenn man unter 7 Geschwistern groß wurde, lernte man wohl oder übel einiges über das Lösen von Konflikten. „Ich verstehe eure Argumente, allerdings verlangt es unsere Tradition zunächst unsere Ahnen um Rat zu bitten. Währendessen lade ich euch ein, bei uns in dieser Halle zu warten.“ „Wir danken für eure Gastfreundschaft, Häuptling.“, meinte Jens und deutete eine Verbeugung an. „Willst du dich nicht auch verbeugen?“, zischte Jens zu Hinni woraufhin dieser nur meinte: „Nö.“ „Dein Dickkopf wird uns noch mal umbringen.“ „Aber ich sage trotzdem Danke.“, meinte Hinni zu Tjarko. Dieser lachte lauthals los: „Hahaha! Es ist doch immer dasselbe mit euch Friesen. Aber – bei uns ebenso. Dafür leben wir schon zulange auf ein und demselben Fleck. Dieser Teil der Welt ist berühmt dafür Dickköpfe hervorzubringen. Haha!“
So kam es, dass sich das ganze Chaukendorf in der großen Halle versammelte. Eine verhüllte Gestalt, offenbar eine Frau, betrat schließlich den Kreis und starrte eine Zeitlang in das große Feuer in der Mitte des Raumes. Über dem Feuer hing ein Topf in den die Frau nun einige Inkredenzien hineintat. Es bluberte und kochte und Hinni fühlte sich an eine Hexe erinnert. „Es ist eine Hexe!“, rief er dann auch noch aus, als sie ihren Umhang zurückwarf, der bisher ihr Gesicht verborgen hielt. „Diese Nase! Sie ist so lang und spitz wie ein Pfeil!“, rief Hinni weiter. Jens schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Alle Augen waren nun, teils verwundert, teils verägert auf Hinni und Jens gerichtet. Jens hielt Hinni den Mund zu und entschuldigte sich überschwänglich für den Ausbruch seines Gefähren: „Er ist nun mal ein Narr und kann keine Dame von einer Hexe unterscheiden, hehe.“ Die Frau blickte sie nun blinzelnd an. Dann rief sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Jens gerichtet: „Du hast auch eine große Nase!“ Jens schüttelte den Kopf: „Wer? Ich?? Ich habe doch gar nichts gesagt! Der hier war es! Hier; Hinni!“ „Mir doch egal!“, rief die Frau. Tjarko trat vor: „Bitte, Kea, können wir weitermachen?“ „Nunmal keine Hektik, Ahnenbefragung ist keine exakte Kunst, da bedarf es viel Fingerspitzengefühl und Konzentration.“ „Wer macht hier Hektik…“, murmelte Tjarko, rollte mit den Augen und sank zurück in seinen Stuhl.
„Musst du uns immer in peinliche Situationen bringen?“, keifte Jens und Hinni meinte: „Aber diese Nase! Damit kann man ja Löcher in eine Baumrinde hacken.“ Eine bei ihnen stehende alte Frau meinte freundlich: „Darum nennen wir sie ja auch alle Specht. Sie ist ziemlich lebhaft und treibt beinahe jeden im Dorf in den Wahnsinn, aber sie kennt sich gut aus mit Kräutern und auch ein bisschen Zauberei, so wie jetzt.“ „Wie? Zauberei? Klingt ziemlich heidnisch.“, meinte Jens. Die alte Frau lächelte: „Nun bis jetzt hat Gott uns noch nicht dafür bestraft, dass wir unsere alten Traditionen im großen und ganzen noch weiterführen, also kann es wohl so verdorben nicht sein.“ „Da ist was dran. Denke ich.“, stimmte Jens zu. „Pscht!“, machte Hinni. „Wieso Pscht? Du machst hier doch den ganzen unnötigen Lärm… Hmpf.“
Kea, oder auch Specht, hatte eine hölzerne Schüssel genommen und etwas von dem Gebräu entnommen welches im Topf vor sich hin brodelte. Die Flammen knisterten als alle gespannt darauf warteten was sie zu verkünden hatte. Specht hatte sich niedergekauert und hielt ihre Nase direkt über der Schüssel. Sie atmete das Gebräu ein und hatte die Augen geschlossen. Sie fing an zu murmeln, aber niemand konnte es verstehen. Es war die Sprache der Toten, der Ahnen und Altvorderen. Jens sprang auf wie ein Karnikel als das Feuer sich mit einem mal blau färbte. Specht schlug die Augen auf, doch da war nur noch das Weiss zu sehen. Auch die anderen Chauken wichen instinktiv ein paar Schritte zurück. Nur Tjarko blieb unbeeindruckt auf seinem Stuhl sitzen und blickte ihr direkt in die weißen Augen, da sie ihm direkt gegenüber saß. Durch das blaue Feuer hindruch sah der Häuptling ihr in die Augen. Keas Stimme hatte sich verändert und klang nun durchdringend und mit Hall:
„Die Friesen sprechen die Wahrheit. – Radbod sammelt sich und sein Gefolge. – Viel Blut wird vergossen werden. – Die Arme des Kraken erwürgen den Bären. – Die Hexe macht sich fremde Macht zu nutze, die kein Gebet aufhalten kann. – Die Chauken müssen für ihr Land streiten. – Viel Leid wird über sie alle kommen. – Der Ausgang ist ungewiss. Das Meer ist rastlos und tobt!! Es tobt! Es tobt! Und schreit!!“
Mit einem Aufschrei sackte Specht zusammen. Einige Frauen eilten ihr zu Hilfe, aber sie hob die Arme und hielt sie von sich fern. Ihre Augen waren zurückgekehrt und sie schwitzte und atmete schwer. „Es geht schon. Der Junge!“ Sie blickte Hinni an, der verduzt dreinblickte. „Der Junge muss dort sein, wenn die Schlacht geschlagen wird. Es hat zu tun mit der fremden Macht, die die Hexe nutzt. Es besteht eine Verbindung zwischen ihr und dem Jungen, die den Ausgang der Schlacht entscheiden könnte.“ „Also lässt sie sich nicht vermeiden, Kea?“, fragte Tjarko düster. Specht schüttelte den Kopf: „Kann man die Flut davon abhalten zu kommen?“ „Nein, dass nicht. Aber darum bauen wir ja auch Deiche um die Flut abzuwehren, selbst wenn sie kommen mag.“, sagte der Häuptling und senkte nachdenklich sein Haupt. Schließlich meinte er zu allen Anwesenden: „Die Alten haben uns diese Vision geschenkt um uns warnen und uns zu ermutigen. Wir müssen die Speere und Schilde ergreifen und diesem Feind entegegentreten, selbst wenn es unseren Untergang meinen könnte. Denn ansonsten sehe ich keine Zukunft für unser Volk unter Radbods Herrschaft. Wir alle wissen, dass er nur seine Sicht der Dinge dulden wird und keine Gnade mit denen kennt die sich seinen Ansichten nicht beugen. Dies war damals so, und ich bezweifle dass er seinen Dickkopf geändert hat. Nein, er wird nichts unversucht lassen das zurückzuerobern, von dem er glaubt es gehöre noch ihm. Doch dem ist nicht so! Dieses Land gehört uns, soweit ich zurückdenken kann. Selbst als Radbod noch König war, gehörte es uns und noch weit davor, als die Römer noch hierher kamen um mit uns zu handeln! Trommelt alle Krieger zusammen und lasst nur eine Handvoll zurück um unser Dorf vor Plünderern und wildem Getier zu schützen! Ziehen wir hinaus und bieten wir all jenen die Stirn die uns unserer Heimat berauben wollen! Wie die Friesen auch, sind wir niemandes Sklaven und treten jedem in den Arsch, der meint sich als unsere Herren aufspielen zu müssen!“ Ein zustimmendes Gebrüll brandete auf. Tjarko trat zu Hinni und Jens: „So ihr beiden. Die Chauken werden sich eurem Heer anschließen.“ „Das sind ja – tolle – Neuigkeiten.“, meinte Jens leicht sarkastisch. Er fühlte sich nicht gerade wohl bei dem Gedanken des bevorstehenden Gemetzels. Jens spielt mit dem Gedanken seiner merkantilien Natur zu folgen und einfach mit der Labskaus fortzusegeln, am besten in Richtung Greetsiel. Da war hoffentlich weniger Trubel. Aber dann fühlte er sich doch wieder Abbo und auch Leevke verpflichtet. Und Hinni natürlich, dessen Vater er versprochen hatte auf ihn aufzupassen. Vielleicht war das etwas leichtsinnig gewesen. Denn, hand aufs Herz; Jens war ein Feigling und keiner der schwerterwirbelnd in feindliche Reihen preschen konnte. Allein der Gedanke daran reichte und ihm wurde flau im Magen. Specht trat ebenfalls hinzu. Sie humpelte ein wenig. „Ah, die Nase.“, meinte Hinni. Specht knurrte: „Ich bin nicht der einzige mit einer großen Nase, hier!“ Sie spielte offensichtlich auf Jens Nase an. „Hey, wieso werde ich eigentlich angeflaumt, wenn Hinni dich doch beleidigt? Das ergibt gar keinen Sinn!“, fauchte Jens zurück. Jetzt erst sah man, dass Specht eher jüngeren Datums war, sie mochte gar imselben Alter sein wie Jens. Sie hatte kurzes und sehr struppiges, aschblondes Haar mit einem blaugefärbten Streifen in der Mitte, der sich über den ganzen Kopf zog. „Wiedemauchsei: Hinni war dein Name? Also, was ist diese fremde Macht?“ Hinni blinzelte: „Macht? Woher soll ich das wissen, immerhin hast du sie doch erwähnt.“ „Hmmm. Stimmt ja. Aber hast du zumindest eine Vermutung worum es sich handeln könnte? Irgendein Artefakt, ein Wesen welches Radbod sich zunutze machen könnte?“ Hinni brauchte nicht lange zu überlegen. Es musste Leevke sein. Aber er scheute sich davor es überall kund zu tun. Es war wohl eigentlich das beste, wenn so wenig Leute von Leevkes besonderen Kräften erfuhren wie möglich. Hinni sah schon Horden von Kopfgeldjägern auf Leevke einstürzen – und diese Vision behagte ihm so gar nicht. Andererseits konnte Specht ihnen vielleicht helfen? Vielleicht wusste sie einen Weg um Leevke von ihren Kräften zu trennen? Hinni rang mit sich. Dies fiel wohl auch Specht auf: „Wenn es ein Geheimnis bleiben soll, dann soll es wohl ein Geheimnis bleiben. Ich hoffe nur du kannst diese Macht irgendwie ausschalten, denn laut meiner Vision scheint sie der Schlüssel zu Radbods neuer Macht zu sein.“ Ausschalten? Leevke? Sollte er sie gar töten? Nein, sicher nicht. Leevke wurde offensichtlich dazu gezwungen ihre Macht für Radbod einzusetzen und allein der Gedanke daran veranlasste Hinni die Hände zu Fäusten zu ballen. „Ich werde mich darum kümmern! Versprochen!“, meinte er schließlich mit fester Stimme. „Hoffen wir es, Junge.“, meinte Specht mit deutlichem Nachdruck in ihrer Stimme. „Und pass auf deinen Nasenfreund auf.“, meinte sie dann feixend.
Ursula wuchs als Einzelkind in einem kleinen Dorf an der jütischen Küste auf. Schon sehr früh merkte man, dass sie ein Talent für Zauberei hatte. Also nam es die örtliche Kräuterhexe auf sich sie zu unterweisen. Ursula selbst war ein blasses Mädchen, mit trockenen Lippen, dünnem, fettigen, fast schon gräulichen Haar und goldenen Augen, wie sie bei allen Zauberern und Hexen zu finden waren. Ihr Vater war wie so viele andere im Dorf ein Walfänger und damit handelten die Dorfbewohner nicht schlecht. Tran, Öl, Fleisch und auch das seltene Ambra bescherten dem Dorf einigen Wohlstand. Das Christentum war noch kaum bis in ihre Gefilde vorgedrungen und daher hatte Ursula auch keine Ächtung zu befürchten. Dennoch war sie stets verschlossen und fand keinen rechten Zugang zu ihren Gleichaltrigen. Zunächst lästerten sie nur hinter Ursulas Rücken über sie, aber schließlich nannten sie sie ganz offen „Talgbirne“, wegen ihrer fettigen Haare. Natürlich wollte es sich niemand mit einer zukünftigen Hexe verderben, weshalb man die entsprechenden Kinder entsprechend bestrafte (mit ein paar Schlägen aufs Hinterteil). Ursula selbst fühlte sich dennoch mehr zu den Tieren hingezogen, zumal die alte Kräuterhexe ihr alles über die Tiere (und ihre Verwendungsmöglichkeiten für Tränke und Heilmittel) beibrachte. Doch sensibel wie sie war, brachte Ursula es nicht über ihr kleines Herz die Tiere zu töten. Sie konnte sie ausnehmen und in Stücke schneiden, aber das Töten selbst war ihr ein Gräuel sondergleichen. Die alte Hexe rügte sie deshalb oft, aber selbst als Ursula sich überwinden konnte, war ihr speiübel dabei. Ausgerechnet ihr Vater, der ja die großen Wale jagte, zeigte Verständnis für Ursulas Vorbehalte. Für ihn war Ursula immer noch sein kleines, beschützenswertes Mädchen und es war für ihn sonnenklar, dass sie etwas sensibler war. Ihre Mutter hingegen legte viel Wert auf den Ruf ihrer Familie, und drängte Ursula dazu sich mehr in das Gemeinschaftsleben zu integrieren, um ihre gesellschaftlihce Position zu festigen. Denn auch in einem solchen (doch schon größeren) Dorf gab es Hierarchien und ein hohes Ansehen zu genießen war von einiger Bedeutsamkeit. Wer einen schlechten Ruf hatte wurde von den anderen gemieden und genoß nicht die vielen Vorteile die die Gemeinschaft bieten konnte. Dies ging von Gefälligkeiten bis hin zu Geschenken. Wer sich abkapselte und eigenbrötlerisch leben wollte würde nicht lange überleben, zumindest nicht bei dem Standard den sie jetzt hatten. Es war nun mal einfacher ein Haus zu errichten, wenn dreißig Armpaare mit anpackten, als es alleine tun zu müssen. So fand sich Ursula schließlich dabei den Leuten bei ihren alltäglichen Wehwechen zu helfen und Tränke zu mischen (freilich noch unter der strengen Aufsicht der Kräuterhexe). Sie tat alles um den Anforderungen gerecht zu werden, aber sie übertrieb es irgendwann und übermüdete mit der Zeit. Dunkle Ringe bildeten sich unter ihren Augen, aber niemand nam es zur Kenntnis.
JUNGE URSULA aka "TALGBIRNE"
Zwar waren alle glücklich mit Ursula, aber keiner sah wie strapaziert ihre Nerven inzwischen waren, eben weil sie es allen Recht machen wollte. Auch wollte sie nicht zugeben kaputt zu sein, denn dies hätte ihren Ruf vielleicht wieder ruiniert und ihre Mutter unglücklich gemacht. Als nun ihr Vater von einer erfolgreichen Walfahrt zurückkehrte, war er ganz erschrocken darüber wie fertig Ursula war. Er tobte wie wild, und fragte wie denn keiner gesehen habe wie erschöpft Ursula war. Jeder habe sich nur an ihrer bereichert und sie ausgesaugt wie ein Wiedergänger die Lebenden. Daraufhin war die Empörung groß, denn Ursulas Vater spuckte Gift und Galle und die Dorfbewohner ließen sich auch nicht alles gefallen. Es kam zu einem wilden Handgemenge, in dessen Verlauf Ursulas Vater schwer zusammengetreten wurde. Aus Angst und Wut explodierte etwas in Ursula, ihr junger Körper erbebte und mit einem Aufschrei setzte sie ihre magischen Kräfte frei. Ihre Lehrmeisterin wollte einschreiten, aber sie selbst geriet dabei in den Wirbel aus Brettern und Gegenständen. Ein Tornado, inmitten des Dorfes entstand und dabei wurde auch die alte Kräuterhexe von einer Stange durchbohrt. Als Ursula sich wieder beruhigt hatte, hörte auch der Tornado wieder auf. Viele Dorfbewohner waren verletzt. Ihr Vater humpelte zu ihr und drängte sie, das Dorf zu verlassen. Denn nun würde sie nimmer mehr in die Gemeinschaft passen können. Vergebung war den meisten fremd, Gleiches musste mit Gleichem heimgezahlt werden. So blieb Ursula nichts anderes übrig als mit einem kleinen Boot zu fliehen. Sie landete schließlich in Ostfriesland, wo sie ziellos umherirrte und sich von kleineren Diebstählen ernährte. Als sie dann schließlich in einem Dorf erwischt wurde, verteidigte sie sich energisch mit ihren magischen Kräften. In die Enge getrieben und hungrig, drohte sie alle Menschen zu töten, wenn sie nicht etwas zu essen bekäme. Die Menschen taten es aus Furcht vor Ursulas Kräften. Ursula selbst verkroch sich in einen nahegelegenden Wald um sich dort auszuruhen. Täglich wurden ihr Nahrungsopfer gebracht. Es wäre gelogen, wenn Ursula dies nicht genossen hätte. Zum erstenmal war sie sich ihrer potentiellen Macht bewusst und wollte sie zu ihren Zwecken einsetzen. Allerdings zog ein christlicher Missionar mit dem Namen Keil von Aachen zu dieser Zeit durch die Lande um seinen Glauben zu verbreiten. Die Menschen traten an ihn heran und schworen zu konvertieren, wenn er sie von Ursula befreien würde. Keil selbst war ein energischer Missionar, der nichts als Verachtung für die heidnischen Gottheiten übrig hatte. Er hatte schon so manche heilige Eiche gefällt und wusste, wie man Gläubige abwarb. Er schlug also zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn er Ursula beseitigen würde. Eine Hexe weniger und ein Dorf voller Frischgetaufter mehr. Radbod war immer noch König der Friesen und beobachtete das Treiben der Kirche in seinen Ländereien mit einigem Argwohn. Er selbst würde nie konvertieren, überließ diese private Entscheidung aber jedem selbst. Radbod sah jedoch nicht, das immer mehr Kirchen und Klöster aus dem Boden sprossen und stetig an Macht gewannen. Radbod erfuhr schließlich von seinem Hauptmann Düll, dass eine Hexe ein Dorf terrorisiere. So begab sich auch der Friesenkönig höchstpersönlich zum Dorf um die Sache zu klären. Keil traf derweil im Dorf ein und die Menschen setzten große Hoffnungen in ihn. Er segnete jeden einzelnen von ihnen und begab sich dann in den Wald um Ursula zu fangen. Ursula selbst wusste nichts davon und wurde in ihrem Versteck überrascht. Sie setzte ihre Kräfte ein, aber Keil wehrte sie mit einem Bann ab. Derartiges hatte Ursula nie erlebt und sie geriet in Panik. Sie floh, stürzte jedoch und geriet in Gefangenschaft. Inzwischen traf Radbod ein verlangte das Mädchen zu sehen. Die Dorfbewohner ließen es zu und Radbod unterhielt sich mit Ursula. Schließlich erklärte er, dass er das Mädchen unter seine Fittiche nehmen würde. Keil wetterte dagegen und hatte die meisten Dorfbewohner auf seiner Seite. Die Situation eskalierte und im folgenden Kampf vertrieb Radbod den Missionar und tötete einige seiner fanatischen Anhänger. Wütend erklärte er fortan der Kirche und ihren Anhängern den Krieg. Er zwang alle frisch Getauften ihren alten Glauben wieder anzunehmen und ihm die Treue zu schwören, da er sie sonst alle als Feinde töten müsse.
RADBOD RETTET URSULA VOR DEM MISSIONAR
Ursula war nun stets in Radbods Nähe und wurde seine persönliche Beraterin, Heilerin, Wahrsagerin und auch Geliebte. Ursula zeigte eine besondere Affinität zu den Meereswesen, insbesondere den Kraken. Sie fand ein Jungtier, welches sich in eine Bucht verirrt hatte und nam sich seiner an, da es sonst von den Pickermöwen zerhackt worden wäre. Mit diesem Kraken konnte Ursula sogar eine bedrohliche Flotte von Kreuzfahrern abwehren, welche von Frankreich kamen und die Heiden in Friesland bekämpfen wollten. Radbod war natürlich mächtig stolz auf seine „kleine Hexe“ und zusammen mit Düll bekämpften sie die Kirche wo immer sie sie fanden. Der Krieg lief gut für sie, aber dann kam Liudger, ein Mönch von einiger Macht, Wortgewalt und vor allem: Sympathie. Die Menschen waren des Krieges müde und Liudger versprach ihnen Frieden und Ruhe, wenn sie sich Christus anschließen würden. Er tat dies ohne nennenswerten Druck, so wie Radbod, und bizarrerweise war dies dennoch nachhaltiger. Die Menschen begannen Radbod als Kriegstreiber zu sehen, der aus persönlichen Gründen gegen die Kirche war. Die Streitigkeiten innerhalb der friesischen Gemeinschaft wuchsen und bald kam es zum offenen Kampf zwischen Anhängern beider Glaubensrichtungen. Keine Seite konnte wirklich die Oberhand gewinnen, zumal Radbod ein militärischer Führer war, welcher das Gelände zu seinem Vorteil zu nutzen vermochte. Um weiteres Blutvergießen zu unterbinden, wagte Liudger einen Vorstoß in Radbods Kernreich und stellte ihn dort zur entscheidenen Schlacht. Trotz Ursulas Magie, Dülls starkem Arm und Radbods Gerissenheit, unterlagen die Truppen der Heiden und mussten sich zur Insel Bant zurückziehen. Liudgers Heer hatte ebenfalls große Verluste eingefahren und konnte ihn nicht verfolgen. Darum opferte sich der Mönch um Radbod und alle anderen zu verfluchen. Sie sollen nie wieder die Insel verlassen können. Und so geschah es dann auch. Ohne ihre Anführer brach der Widerstand der friesischen Heiden zusammen, wenngleich ihre Traditionen noch bis zum heutigen Tag weiterexisiteren konnten. All die Jahre hatten sie nach einer Lösung gesucht um zurück aufs Festland zu gelangen, aber nichts half. Radbod ging jahrelang den Strand auf und ab, stets mit grimmigem Blick Richtung Heimat. Es war Ursula zu verdanken, dass immerhin sie drei überleben konnten. Alle anderen Krieger die noch auf Bant waren, starben mit der Zeit und wurden von Ursula als Skelettdiener wiedererweckt.
Seit diesem Tag sannen die drei auf den Tag, an dem sie aufs Festland zurückkehren konnten. Und nun endlich war es soweit. Ursula ließ die magische Glocke, welche silbern schimmerte wie eine Luftblase, auf eine sogenannte Nomkrabbe montieren. Diese riesigen Krabben hatten einen schier undurchdringlichen Panzer, waren ansonsten aber friedfertige Planktonfresser. Ursula konnte nicht von Leevkes Kräften Gebrauch machen, wenn diese nicht in der Nähe war. Darum sollte die Nomkrabbe sie für Ursula tragen und immer in ihrer Nähe halten. Ursula hatte es geschafft Leevkes Reserven anzuzapfen und sie für sich selbst „umzuleiten“. Freilich würde die Krakenhexe nie Leevkes ganze Macht nutzen können, aber es war ja vielmehr wichtig überhaupt diese Kraftquelle für sich einzusetzen. Denn kein heidnischer Zauber den Ursula in all den Jahrzehnten versucht hatte konnte die Barriere von Liudgers Opfer überwinden. Aber Leevkes Kraft war nicht heidnischer Natur. Zugegenermaßen, auch Ursula hatte keine Ahnung welcher Art diese war aber solange sie Liudgers Bann aufheben oder umgehen konnte, war dies mehr als genug um sie zufrieden zu stellen. Vielleicht kam die Kraft ja aus Thule, wer wusste das schon.
Radbod war bester Laune und ließ alle Untoten Friesen in seinen Reihen aufmarschieren. Aus dem Sand selbst buddelten sie sich nun aus und ihre leeren Augenhöhlen starrten ausdruckslos auf das Meer. Er hatte das Oberkommando über sie und ihre gesamte Existenz war an seinen Willen gebunden. Falls er fiel oder seinen Willen verlor, würden auch die Untoten vergehen und zu Knochenhäufchen zusammenfallen. Eine Insel von der Größe Bants hätte niemals eine solche Streitmacht beherbergen können wie sie sich nun sammelte. Bald schon erfüllte das Klappern von Knochen die Luft. Der Wind pfiff scharf durch ihre fleischlosen Körper und zerrte an ihren zerfetzten Uniformen und verblassten Kleidern. Schon bevor Radbod sich hierher zurückzog, war diese Insel eine Ruhestätte für altgediente Friesenkrieger und Könige. Nun erhoben sie sich erneut um ihrem althergebrachten Recht Geltung zu verschaffen. Hauptmann Düll trat nun ebenfalls aus dem Tor des Turmes. Er trug immer noch seine Plattenrüstung, welche eigentlich nur Rittern vorbehalten war. Ursula konnte nicht anders als bei seinem bloßen Anblick zu schaudern. Er war der Champion des Njörd, ein Verbündeter, aber dennoch unlängst ein Unmensch. Früher war er Radbods rechte Hand gewesen, ein mächtiger und gefürchteter Krieger, trinkfest und raubeinig. Doch seitdem er Njörd sein Leben gab, um Radbod ewig dienen zu können (so stark war ihre Freundschaft, das Düll ihn nimmer verlassen wollte), war Düll merkwürdig verändert. Er redete nur noch selten, verbrachte die meiste Zeit im endlos tiefen Wasserloch unterhalb der Feste und schien nicht mehr von dieser Welt zu sein. Noch mehr als Ursula und Radbod. Was auch immer der Meeresgott Njörd mit Düll vorhatte, es war gut ihn auf ihrer Seite zu wissen. Düll umgab eine stets schleimige Aura, und Wasser troff ihm stets unter dem Helm hervor. Ursula konnte keine Augen mehr unter dem Helm ausmachen und sie war ganz froh darüber. „Wie steht es um die Vorbereitungen?“, fragte Düll und bei jedem Wort schmatzte er ekelhaft. Ursula lächelte gehemmt: „So gut wie zu erwarten war. Radbod kann es kaum abwarten. Und ich ebenso wenig.“ Düll nickte langsam: „Gut. Ich habe Njörd um Unterstützung gebeten. Er wird uns ein paar seiner Streiter zur Verfügung stellen.“ „Die gibt es noch?“, frage Ursula ungläubig. Aber sie hatte keinen Grund an Dülls Worten zu zweifeln. Erneut nickte Düll mit seinem Helm: „Die Kreuzträger mögen zur Zeit viel Land für sich beansprucht haben, aber uns stehen immer noch die Kreaturen zur Verfügung um unseren alten Glauben zu verteidigen.“ Erneut war Ursula froh, Düll und Njörd auf ihrer Seite zu haben. Sie hatte fast schon Mitleid mit den Friesen auf dem Festland, denn diese ahnten ja nicht was auf sie zukam. Die Rückeroberung der alten Stätten, der Vormarsch der Altvorderen Götter und ihrer kampfstarken Anhängerschaft.